Jüdische Spuren

 

Die nationalsozialistische Vernichtungspolitik hatte die Jüdische Gemeinde Darmstadts durch Vertreibung, Deportation und Ermordung fast vollständig ausgelöscht. Sie wurde im Jahr 1946 von einer kleinen Zahl Überlebender wieder gegründet – auf Jahre aber lediglich als „Zwischenstation“, wie die bis in die 1980er Jahre geltende Selbstverpflichtung zur Auswanderung aus dem Land der Täter zeigt, die in der Gemeindesatzung niedergelegt war. Die heutige Jüdische Gemeinde Darmstadt hat eine neue, 1988 geweihte Synagoge in der Wilhelm-Glässing-Str. 26 und ist mit inzwischen etwa 700 Mitgliedern längst zu einem religiösen und kulturellen jüdischen Zentrum geworden, das in die Stadt und die Region ausstrahlt und zum Besuch einlädt.

Die Suche nach Spuren der Darmstädter Jüdischen Gemeinde aus den Jahrhunderten vor ihrer Vernichtung durch die Nationalsozialisten ist dagegen schwierig und erfordert Bereitschaft, sich auf die Suche zu machen:

  • nach den wenigen erhaltenen Orten jüdischer Geschichte (wie etwa dem Jüdischen Friedhof in Bessungen),
  • nach Bruchstücken der Erinnerung (wie dem 2008/09 innerhalb des Erweiterungsbaus des Städtischen Klinikums entstandenen Gedenkort für die ehemalige liberale Synagoge)
  • nach dem Ort, an dem die orthodoxe Synagoge bis zu ihrer Zerstörung im November 1938 stand (Gedenkstein in der Bleichstraße/Ecke Grafenstraße)
  • oder im Museum in der Jüdischen Gemeinde, in dem Dokumente, Fotos und Gegenstände des religiösen Gebrauchs zusammengetragen wurden.

Einen wichtigen Zugang zur jüdischen Geschichte in Darmstadt vor 1946 bilden zahlreiche Veröffentlichungen, die vor allem in der Alexander-Haas-Bibliothek im Darmstädter Literaturhaus, Kasinostr. 3, eingesehen und ausgeliehen werden können.

Die Darmstädter Geschichtswerkstatt hat Stationen der schlimmsten Verfolgung der Darmstädter Juden während der Nazizeit  (Antisemitismus und „Arisierung“, Novemberpogrom, “Endlösung“) in der von ihr mit herausgegebenen Broschüre „Widerstand und Verfolgung in Darmstadt in der Zeit des Nationalsozialismus“ (3. Auflage 2004, s. Literatur) dargestellt. Weitere Veröffentlichungen sind geplant.

Mitglieder der Darmstädter Geschichtswerkstatt betätigen sich außerdem im Arbeitskreis Stolpersteine; in diesem Rahmen werden in Darmstadt Stolpersteine verlegt und Biographien recherchiert.

Literatur

Franz, Eckhart G. (Hg.), Juden als Darmstädter Bürger. Darmstadt 1984

Initiative Güterbahnhof Darmstadt (Hg.), Darmstadt als Deportationsort. Zur Erinnerung an die unter dem Nazi-Regime aus dem ehemaligen Volksstaat Hessen deportierten Jude und Sinti. Darmstadt 2004

Keller, Helga, Farbig Moll. Darmstadt-Berlin 1933-1939. Darmstadt 1996

Lange, Thomas Hg.), „L’Chajim“. Die Geschichte der Juden im Landkreis Darmstadt-Dieburg. Reinheim 1997

Lange, Thomas und Neumann, Moritz, Jüdisches Leben in Geschichte, Glaube und Brauch. Das Buch zum Museum der Jüdischen Gemeinde Darmstadt. Darmstadt 1999

Neumann, Moritz und Reinhold-Postina, Eva Hg.), Das zweite Leben. Darmstädter Juiden in der Emigration. Ein Lesebuch. Darmstadt 1993

Pingel-Rollmann, Heinrich, Widerstand und Verfolgung in Darmstadt und in der Provinz Starkenburg 1933 – 1945. Darmstadt und Marburg 1985

Reinhold-Postina, Eva und Neumann, Moritz, Das Darmstädter Synagogenbuch. Eine Dokumentation zur Synagogen-Einweihung am 9. November 1988